MELANCHOLIE IN KLEINEN DOSEN - TO BE WE

 

 

Vor ein paar Wochen hat die Stuttgarter Band To Be We in den sozialen Netzwerken ein Lied veröffentlicht. Das wäre jetzt nicht so ungewöhnlich, hätten sie das in der darauf folgenden Woche nicht wieder getan. Und in der danach nochmal. Und nochmal. Seit zwei Monaten geht das jetzt so. Ein Ende ist nicht in Sicht, deshalb erstmal zu den Anfängen.

Julian Lindemann und Hagen Wagner machen seit 2015 zusammen Musik. Als „The Andean Wolf“ belegten sie beim „Play Live“ Contest vom Pop Büro Stuttgart mit ihrem gefühlvollen Singer-Songwriter-Pop den zweiten Platz und wurden zum Publikumsliebling gekürt. Es folgten weitere Auftritte, ein Bandaustausch in Schweden, Festivals, Konzerte und schließlich eine kreative Pause. „Die haben wir gebraucht um neue Musik zu schreiben und aufzunehmen und um über uns selber nachzudenken“, erklärt Hagen. Jetzt sind sie wieder da, mit neuen Songs und neuem Namen: To Be We.

„Der Bandname steht für alles, was wir auch in unseren Songs aussagen“ erklärt der 26-Jährige Julian. „Genau. Meistens geht’s ja um Beziehungen“, fügt Hagen hinzu, „also darum aus ich und du ein wir zu machen.“ Pause. Lächeln. „Oder eben auch nicht.“ Ja, meistens eher nicht. Die melancholischen Texte, die häufig vom Suchen, Finden und Vermasseln der Liebe handeln, schreibt überwiegend Hagen, der parallel dazu auch die Melodien entwickelt. An diesem Grundgerüst der Songs arbeiten beide dann in der Regel gemeinsam weiter, mischen hier und da elektronische Klänge und eingängige Beats unter bis Julian das Ganze schließlich in seinem Stuttgarter Studio aufnimmt, in welchem er sonst Werbe- und Imagefilme produziert.

Seit acht acht Wochen stellt die Band also jede Woche einen Song mit dazugehörigem Video ins Netz. Die Idee dahinter beschreibt Julian folgendermaßen: „Wenn du dein Album rausbringst ist es online komplett verfügbar. Manche hören sich aber trotzdem nicht alle Lieder an. Eine Single hingegen ist schnell angehört und wenn sie einem gefällt, schaut man vielleicht die Woche darauf nochmal rein.“ Ob sie damit Erfolg haben werden wissen die beiden selber nicht. „Wir hatten einfach Lust, mal was Neues ausprobieren“, erklärt Hagen. „Wir dachten: Vielleicht ist es bescheuert. Aber irgendwie auch geil.“

Auf jeden Fall ist es spannend. Und zwar für alle. Denn wie lange das Ganze jetzt so weitergehen wird, damit halten die beiden gern hinterm Berg. Ihre vagen Antworten reichen von „Bis wir schwarz werden“ über „Wir haben ja gerade erst angefangen“ und „Wir können das noch eine Weile durchhalten“ bis hin zu „Auf jeden Fall hören wir nicht nächste Woche auf, eher so nächstes Jahr.“ Konkreter wird’s nicht.

Doch auch für die Jungs selbst bleibt das Projekt eine Wundertüte: „Die Songs sind sehr unterschiedlich und jede Woche springen deshalb auch ganz andere Leute darauf an“, erklärt Julian. So hielten die Fans auch für sie die ein oder andere Überraschung bereit. „Der am meisten gehörte Song ist Hesitate“, führt Hagen als Beispiel an. „Wenn ich darauf hätte wetten müssen, hätte ich gesagt, der ist den Leuten zu düster.“ Doch die Hörer scheinen ähnlich zu ticken wie die beiden selbst, die ihre Songs als „intime Melancholie mit fett produzierten Beats“ beschreiben. Wenn man Hagen und Julian nun allerdings vor die Wahl stellen würde und sie müssten auf eines von beidem - Melancholie oder Beats - verzichten… - „dann würden wir die Action weglassen“, beendet Hagen wie aus der Pistole geschossen den Satz. Und Julian bestätigt: „Ja. Die Beats sind der Bonus.“

Die beiden nachdenklichen Mittzwanziger sehen sich als Teil einer Generation, die schneller erwachsen wird als ihr lieb ist. Die daraus resultierende dringliche Suche nach dem Platz in der Welt spiegele sich auch in ihrer Musik wider: „Heute muss man nach der Schule keinen Zivil- oder Wehdienst mehr machen“, sagt Hagen. „Da steht man dann. Viele eiern erstmal nach Neuseeland, kommen wieder zurück, wissen danach aber leider immer noch nicht, wer sie eigentlich sind.“ Jahrelang würde man gesagt bekommen, dass man alles werden könne was man will und einem alle Türen offen stünden fährt er fort. „Aber so ist es ja nicht. Türen stehen einem nur dort offen, wo man gut ist und sich zudem voll reinkniet“, meint der 24-Jährige.

Hagen und Julian haben ihre berufliche Passion zum Glück bereits gefunden und bringen diese auch mit in die Band ein: „Da wir ja beide aus dem Filmbereich kommen, fanden wir es toll zu jedem Lied auch ein Video zu haben“, erklärt Hagen. Die visuelle Umsetzung solle sich aber nicht immer allzu sehr in den Vordergrund spielen, nicht zu jedem Lied müsse auch eine krasse Geschichte erzählt werden, meinen die Filmemacher. Die Videoclips sind daher größtenteils sehr zurückgenommen, oft sieht man nur das Gesicht von Sänger Hagen und - beiden sehr wichtig - die Lyrics.

Das Video zu "Stranger here" bildet bisher eine Ausnahme, was allerdings nicht so bleiben soll. Es seien weitere "größere Videos geplant, erzählen die beiden Musiker und stimmen neugierig auf ein Projekt, das sie erst kürzlich realisiert haben. "Für ein Musikvideo das bald erscheinen wird, haben wir 100 Stuttgarter Paare aus allen Altersklassen und sozialen Gruppen vor die Kamera geholt", verrät Julian.

Hinter den Kulissen haben sie - trotz oft traurig anmutender Musik - ohnehin ziemlich viel Spaß. Denn Film sei eben immer auch Fake, erklärt Julian. Es gäbe da zum Beispiel ein lustiges Foto, das beim Videodreh zu "Riding slow" aufgenommen wurde, in dem Hagen im Regen singt. "Man sieht mich auf einer Leiter stehen, wie ich mit einem Gartenschlauch auf Hagen herunterspritze, der in einem bunten aufblasbaren Planschbecken sitzt. Beide lachen. Sie können also auch fröhlich. "Wir hören auch nicht nur traurige Musik" antwortet Julian, gefragt nach den musikalischen Einflüssen der Band. Viel Hip Hop und sei dabei, gerne Justin Timberlake bis hin zu Klassikern wie Eric Clapton. „Das Unplugged Album habe ich rauf und runter gehört“, verrät Hagen.

Auch To be we spielen im Dezember noch unplugged. Wer Karten für die kleinen und exklusiven To be We Konzerte, die noch in diesem Jahr stattfinden werden, ergattern will sollte fleißig die Facebookseite der Band checken. "Parallel zu neuen Aufnahmen arbeiten wir daran, dass das Ganze auch auf einer großen Bühne mit mehr Musikern übel geil wird", sagt Hagen mit einem Leuchten in den Augen. Das werde aber erst nächstes Jahr passieren. Genauso wie ein Album-Release? Vielleicht. Wieder bleiben sie vage. Na gut, dann eben erstmal jeden Samstag einen neuen Song - bis auf Weiteres.

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Thekla Dörler