THEATER FÜR ALLE SINNE - BRENNENDER SCHNEE

Das neue Stück der jungen Theater- und Medienkünstler*innen von Goldstaub.eV - Brennender Schnee - widmet sich dem Thema Hochsensibilität. Als literarische Grundlage dafür dient die Oper Undine von E.T.A. Hoffmann, beziehungsweise dessen Inspirationsquelle: das gleichnamige romantische Märchen von Friedrich de la Motte Fouqué, wie ich der Vorankündigung entnehme. Da ich das vergangene Projekt der Gruppe, die Gehörlosen-Oper Rat Krespel noch sehr eindrucksvoll in Erinnerung habe, lasse ich mich auch diesmal weder von der ziemlich hoch anmutenden Hochkultur (Opernsänger*innen und Schauspieler*innen treffen aufeinander) noch von der Tatsache abschrecken, dass mich Geschichten über Meerjungfrauen eigentlich schon seit mindestens 20 Jahren nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken.

Stattdessen freue ich mich darauf, etwas über das spannende Thema der Hochsensibilität zu erfahren, das sich Goldstaub.eV diesmal vorgenommen hat. Mein Vertrauen wird belohnt. Der Aufführungsort - die Kulturinsel auf dem Areal des ehemaligen Club Zollamt - lässt bereits auf Unkonventionalität schließen. Der Weg dort hin durchs Industriegebiet ist im Dunkeln ein bisschen gruselig. Umso heller wird es jedoch, als wir endlich da sind. Die Schuhe müssen ausgezogen und durch flauschige Badeschlappen ersetzt werden, dann krabbeln wir auf eine kleine Empore und landen über eine Treppe, wie sie normalerweise in Schwimmbecken führt, in einem komplett weiß ausgekleideten Raum, der einer phantasievollen (Unter-) Wasserwelt gleicht.

Überall glitzert oder schimmert etwas, ein Schlauchboot steht herum, ein imposantes Meerjungfrauenkostüm hängt von der Decke, ein Bilderrahmen mit Pailletten an der Wand und die Schauspieler - die sind auch schon da: In der einen Ecke ein Typ im Taucheranzug, in der anderen eine Frau in pinkem Frottee und dann wäre da noch eine langhaarige, nervös wirkende Mischung aus Fischer, Meermann und verrücktem Professor, die sich hinter einem langen Tisch und allerlei abgefahrenen technischen Utensilien verschanzt hat und gerade einen glitzernden Fisch-Luftballon durch den Raum steuert. Theater zum Anfassen, staunen und schmunzeln - sehr schön. Dabei hat es noch nicht mal angefangen.

Das Publikum, eher 30- als 60-jährig, setzt sich und wartet. Auf wen wissen wir noch nicht. Aber der Typ im Taucheranzug verrät’s: "Undiiineee!" Immer ungeduldiger ruft er nach ihr, liefert sich eine Rangelei mit dem fahrigen Fischer bis dann endlich Füße hinter dem Vorhang hervorblicken und Undine in den Raum krabbelt. Schnell wird klar: die Meerjungfrau und der Taucher sind schwer verliebt. Vor allem schwer. Denn ständig kommt es zu Missverständnissen und Zurückweisungen, weil Undine offensichtlich „anders“ ist als andere. Sie ist hochsensibel, was nicht nur durch ihr Spiel klar wird, sondern den Zuschauern immer wieder auch durch besondere Soundeffekte und Lichtprojektionen verdeutlicht wird.

Hochsensible Menschen können die sie umgebenden Sinnesreize schlechter filtern, nehmen also Licht, Geräusche, Gerüche oder Berührungen stärker wahr als andere. Gleichzeitig haben sie oft ein hohes Einfühlungsvermögen, weil sie auch kleine Veränderungen in der Mimik und Gestik ihrer Mitmenschen bewusst wahrnehmen. Doch obwohl ihr Freund Hildebrand - von Undine Hans genannt - das weiß und sogar eine Art Gebrauchsanweisung für seine hochsensible Partnerin besitzt, die er sich und dem Publikum verzweifelt vorliest, schaffen es die beiden am Ende nicht, die Unterschiede - im Märchen-Original: zwischen Mensch und Meerwesen - zu überwinden.

Das klingt etwas trauriger als das Stück tatsächlich ist. Denn dem Goldstaub-Team um Jeffrey Döring gelingt eine für mich, die ich mit theatralem Gesang nicht viel anfangen kann, stimmige Balance zwischen großer Oper und modernem Theater. Undine, gespielt von Sopranistin Lisa Ströckens, singt so schön wie sie aussieht und die Einsamkeit letztendlich aller Figuren geht einem ans Herz. Die Schauspieler - allen voran Laila Richter alias Bertalda - sorgen mit viel komödiantischem Talent aber auch für sehr lustige Abwechslung im durchaus tragischen Stoff. 

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Thekla Dörler

Brennender Schnee wird im Dezember noch 3 x aufgeführt: am 10., 16. und 17.12. jeweils um 20 Uhr auf Kulturinsel Stuttgart