WELTENBUMMLER STATT WORCAHOLICS

Kathi Lanz und Paul Hübner sind die ersten in ihrem Freundeskreis, die sich ein Eigenheim geleistet haben. Das befindet sich jedoch nicht am Rand eines rasant wachsenden Neubaugebiets in irgendeiner wirtschaftsstarken Metropolregion, sondern an einem norwegischen Fjord. Oder in Helsinki. Oder in Südfrankreich – je nachdem, wo sie es gerade haben möchten. Es ist nämlich ein Van. Mit dem sind die beiden seit drei Monaten unterwegs.


Arbeiten und Reisen miteinander verbinden


Auf die Idee, ihre Zelte in Stuttgart ab- und in die weite Welt aufzubrechen, kam das Pärchen, das sich über die Arbeit in der Stuttgarter Agenturszene kennengelernt hat, am Ende des vergangenen Jahres. "Uns ist damals einfach bewusst geworden, dass wir unseren Platz in der Welt noch nicht gefunden haben", erzählen Lanz und Hübner rückblickend. Und das sei eben nicht nur metaphorisch gemeint, sondern auch geografisch. "Wir arbeiten beide sehr gerne", sagt Lanz. Genau so gerne stehen sie und ihr Freund jedoch auf Snow-, Surf-, oder Longboards und genießen die Begegnung mit Natur und Menschen ferner Länder. "Über Weihnachten haben wir uns dann auf eine Hütte zurückgezogen und überlegt, wie wir unsere Reiselust und unsere Arbeit miteinander verbinden könnten", erklärt die 27-Jährige. Die Lösung war schnell gefunden: die beiden kreativen Köpfe beschlossen, ihre Kompetenzen - Kreation und Projektmanagement - zu bündeln, die bisherigen Agenturjobs an den Nagel zu hängen und in ein gemeinsames, fahrbares Büro zu investieren. Während man hierzulande bei der Arbeit meist auf die immer gleiche, meist relativ öde Kulisse starrt, können die Vannomaden ihren mit Strom, Internet, WC, Dusche, Kocher und Schlafplatz ausgestatteten roten Kleinbus von nun an also immer genau dort abstellen, wo es ihnen gerade am besten gefällt. Dank Mobilfunkverträgen mit ausreichend Datenvolumen und "LTE-Empfang in so gut wie jedem kleinen Dorf" funktioniert das Arbeiten von unterwegs bisher einwandfrei, erzählt das Pärchen.


Seinen Platz in der Welt finden


Die Suche nach ihrem Platz in der Welt hat die beiden zunächst nach Norwegen geführt, wo sie schon allerlei "magische Momente" und das ein oder andere Abenteuer erlebt haben. Nach einer von ihren Wanderungen, kamen die zwei jungen Outdoor-Fans beispielsweise auf der falschen Seite des Flusses wieder raus, der sie von ihrem Van trennte. "Der Fluss war ungefähr so breit wie der Neckar, sah aber nicht sonderlich tief aus", erzählt Hübner. Statt also nochmal zehn Kilometer zu laufen, hätten sie sich kurzerhand entschlossen - ihr Gepäck tapfer über den Kopf haltend - durch den Fluss zu waten, der ihnen an der tiefsten Stelle dann doch bis zur Brust reichte, erinnern sich beide lachend.  In den zwölf Wochen, in denen es nun unterwegs ist, hat das Pärchen bereits unzählige schöne Erinnerungen gesammelt, die bleiben werden, auch wenn sie selbst ständig weiterziehen: "Einmal sind wir mit dem Auto einen Bergpass hochgefahren, unter uns lag ein Fjord, der bis zum Horizont reichte, wir hatten einen Blick durch die Bäume hindurch auf diesen tiefblauen See und über der ganzen Kulisse strahlte dann noch ein riesiger wunderschöner Regenbogen – das war traumhaft!", schwärmt Lanz.


Arbeitsplätze mit Weitblick genießen


Ein weiter Blick, ein freier Kopf, und frische Luft bieten den digitalen Nomaden neben reichlich Glückshormonen auch die idealen Voraussetzungen für kreative Gedankengänge. Davon seien auch ihre Kunden überzeugt, glaubt Hübner. "Die interessieren sich ja gerade deshalb für uns, weil wir die Kreativität so in den Vordergrund stellen können", sagt der Projektmanager. "Wenn Kathi und ich bei einer schönen Wanderung über ein Projekt sprechen, dann entwickeln wir die besten Ideen", so der 29-Jährige. Das könnte man dann wohl als eine klassische Win-Win Situation bezeichnen - vorausgesetzt natürlich, man hat vor lauter schönen Wanderungen überhaupt noch Lust zu arbeiten? "Na klar", meint das Pärchen einhellig. "Zuhause ist es mir oft viel schwerer gefallen, mich zu motivieren", erzählt Hübner und fügt gelassen hinzu: "Hier setzt Du dich einfach an deinen Laptop, schaust über den Fjord und dann geht die Arbeit meist ziemlich locker von der Hand."


Intensivere Tage erleben


Als einen der größten Unterschiede zu ihrem vorherigen Leben, beschreiben Lanz und Hübner ihr verändertes Zeitgefühl. Die Tage fühlten sich irgendwie länger und intensiver an, seitdem sie unterwegs seien. "Dass Wochenende ist, merken wir eigentlich nur, weil sich die Kunden dann weniger melden", sagt Hübner. Außerdem richte sich ihr Tagesablauf im Van Life oft nach dem Wetter. In Skandinavien heißt es da natürlich auch mal warm anziehen. Oder eben den ein oder anderen Survival-Trick anwenden: "Heute morgen sind wir bei sechs Grad Außentemperatur bibbernd aufgewacht", erzählt Hübner. Sie hätten dann Steine erhitzt, um mit diesem Wärmespeicher den Wagen ein bisschen aufzuheizen. Das habe der Paul in einem "Game of Thrones"-Hörspiel gelernt, kichert seine Freundin Kathi fröhlich. Und hat's funktioniert? "Klar, es war dann um mindestens 0,4 Grad wärmer als vorher", lacht die Vannomadin.


Wann, wenn nicht jetzt?


Die Freunde und Familien der beiden hätten den Plan, auf unbestimmte Zeit um die Welt zu reisen, sehr verständnisvoll aufgenommen, erzählen sie. "Wir haben beide Eltern, die jetzt in einem Alter sind, in dem sie rückblickend feststellen, dass ihr Leben bisher doch aus ziemlich viel Arbeit und ziemlich wenig Freizeit bestand", erklärt Hübner. "Die haben uns deshalb von Anfang an unterstützt. Wir hätten schließlich noch keine Kinder und keine Verpflichtungen, meinten sie, also wann so etwas machen, wenn nicht jetzt?" Diese Frage hat sich vermutlich jeder schon einmal gestellt. Und doch, fällt es vielen schwer, es Kathi Lanz und Paul Hübner gleichzutun, wie sie auch auf ihrer Reise schon öfter bemerkt haben. "Wir treffen ja ständig Leute und die fragen dann oft, wie lange wir denn Urlaub machen würden", erzählt Lanz. Die Antwort: "Nein nein, das ist kein Urlaub, wir wohnen ja jetzt hier im Van" bringe die Leute häufig zum Nachdenken und es folgten meist sehr intensive und grundlegende Gespräche, anstelle von Small-Talk.


Eigentlich ist es doch ganz leicht


"Viele sagen, sie hätten so großen Respekt vor dem, was wir tun und das ehrt uns natürlich einerseits", wirft Hübner ein, "aber andererseits ist es ja auch gar nicht so schwer, wie manche vielleicht glauben." Man müsse schließlich nur seinen Job kündigen und sich einen Van besorgen, sagt der frisch gebackene Weltenbummler, als würde er gerne auch andere Leute zu diesem Schritt ermutigen. "Und falls es nicht läuft, kann man doch auch zurückkommen und den Wagen wieder verkaufen. Dann hatte man im schlimmsten Fall einen langen Urlaub", ergänzt Lanz ebenso enthusiastisch.  Ein bisschen Pionierarbeit wollen die beiden also auf jeden Fall leisten – mit ihrem Blog, ihrer Facebookseite und bald auch einem hilfreichen Internetportal, auf dem die Vannomaden ihre Erfahrungen dokumentieren und die wichtigsten Tipps für alle sammeln, die es ihnen gleichtun möchten. Die "Van Life"-Bewegung sei in Amerika viel populärer, die Szene in Europa hingegen bisher noch sehr klein, sagt das Pärchen. "Deshalb freuen wir uns über jeden, der uns folgt, einen Beitrag postet, Tipps für uns hat oder sich einfach nur austauschen möchte." Das könnte dann schon der erste Schritt zum eigenen zukünftigen Van Life sein – und der ist tatsächlich ganz leicht getan: über www.vannomaden.de oder www.facebook.com/Vannomaden.

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Thekla Dörler

  • Bild: Vannomaden

    Kathi Lanz und Paul Hübner...

  • Bild: Vannomaden

    ...wohnen in ihrem Van.

  • Bild: Vannomaden

    Sie arbeiten von unterwegs...

  • Bild: Vannomaden

    ...schlafen unterm Regenbogen...

  • Bild: Vannomaden

    ...und genießen solche Ausblicke. Na, wie wär's?