KÖSTLICHES KOLLEKTIV - DIE ESSBAREN STÄDTE

„Pflücken erlaubt statt Betreten verboten“ lautet das Motto in den „Essbaren Städten“ Deutschlands, die vor allem dem Anbau von Obst und Gemüse einen hohen Stellenwert einräumen. Die Idee dazu entstand in England und findet inzwischen viele Nachahmer. Begehbaren Gärten mit Essbarem für jedermann bieten Sortenvielfalt, ökologische Qualität und Wertschätzung der angebauten Pflanzen.

Namen für die diversen Projekte, die unter dem Oberbegriff der „Essbaren Stadt“ zu fassen sind, gibt es viele - Gemeinschaftsgärten, Bürgergärten, Stadtgärten, Dachgärten, vertikale Gärten, Hofgärten, Mietergärten, Schulgärten - die Idee dahinter ist aber stets eine ähnliche: Sowohl Bürger als auch Stadtverantwortliche sollen von den urbanen Gärten profitieren. Der öffentliche Raum wird attraktiv und zeitgemäß gestaltet ohne das städtische Budget überzustrapazieren, kulturelle Veranstaltungen und soziale Projekte machen die Grünflächen außerdem zu Begegnungsstätten und steigern sowohl den Gemeinschaftssinn als auch das individuelle Wohlbefinden.

Seitdem das Konzept der „Essbaren Städte“ 2014 auf der internationalen grünen Woche in Berlin bekannt gemacht wurde, sprießen die Städte, Gemeinden und Bezirke, die sich essbar nennen, gerade zu aus dem Boden. Mittlerweile gibt es in Deutschland über 140 solcher Initiativen - selbstverständlich auch im Ländle. Stuttgart hat das El Palito, die Kulturinsel und sogar Urban Gardening Beauftragte bei der Stadt.

Und wie sieht es in der Region aus? Bestens. Sonja Hittinger von der Essbaren Stadt Tübingen hat sich dafür eingesetzt, dass im vergangenen Frühjahr über das gesamte Stadtgebiet Pflanzkästen verteilt wurden, die jeweils von einem Paten oder einer Patin für ein Jahr betreut werden. Er oder sie darf alles anpflanzen was das Herz begehrt, muss aber auch dafür sorgen, dass die Pflanzen genug Wasser und Nährstoffe bekommen. Die Früchte beziehungsweise die essbaren Teile der Pflanze dürfen dann von jedem geerntet werden.

Wer in Böblingen wohnt und keinen eigenen Garten hat, braucht den Kopf ebenfalls nicht in das nicht vorhandene Gemüsebeet stecken. Denn auch hier gibt es einen Gemeinschaftsgarten für alle, das „Ess-Gärtle“. Das kleine Grundstück liegt am Stadtgarten am Böblinger See und wurde 2015 von der Essbaren Stadt Böblingen ins Leben gerufen. Immer donnerstags ab 18 Uhr wird hier gemeinsam gegärtnert und sich ausgetauscht. Egal ob Groß oder Klein – jeder ist hier willkommen und kann sich einbringen. Gemeinsam wird gepflanzt, Erde gelockert, sich ausgetauscht – und natürlich genascht.

Neben den wöchentlichen Treffen organisiert die Initiative immer wieder Veranstaltungen. Am 15. September steht ab 18 Uhr etwa wieder eine Schnippel-Disko auf dem Böblinger Flugfeld an. Gemeinsam mit foodsharing.de wollen die Initiatoren damit auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen und Nachhaltigkeit fördern.

  • Mit einem Mal stand er da, dieser Kasten. Hüfthoch mit rund 1,5 mal 1,5 Meter Fläche oben drauf. Und gefüllt mit schwarzer Erde, in der ein Schild steckte: „Pflücken erlaubt! Eine Initiative der Essbaren Stadt Tübingen.“ Ein halbes Jahr später gibt es in den Tübinger Pflanzkästen eine Menge zu ernten.

  • Und auch in Böblingen gibt es einen Gemeinschaftsgarten, der fleißig bepflanzt wird. Das Ess-Gärtle liegt am Stadtgarten am Böblinger See zwischen Wandelhalle und Alter TÜV-Halle, nahe der alten Mauer an der Tübinger Straße. Jeden Donnerstag wird hier gebuddelt, gepflanzt und genascht.

Interview mit Hubert Bohner von der Essbaren Stadt Böblingen

Wie und wann kamen Sie auf die Idee des Gemeinschaftsgartens in Böblingen?  

Hubert Bohner: „In Andernach - einer der ersten Essbaren Städte Deutschlands - haben wir damals gesehen, wie verkommene öffentliche Plätze von Bürgern mit Zustimmung und Unterstützung der Stadt zu blühende Gemüsegärten verwandelt wurden. Das inspirierte uns, auch in Böblingen einen gemeinschaftlich genutzten öffentlichen Raum zu schaffen. Das Ess-Gärtle besteht nun schon seit drei Jahren.“  

Was wird dort zu welcher Jahreszeit angebaut?  

Hubert Bohner: „Es gibt Kräuterbeete, die ganzjährig nutzbar sind, um Tee zuzubereiten oder Speisen zu würzen. In Kleinstmengen wird bei uns auch Gemüse angebaut, z.B. Rote Beete, Kohl, Kohlrabi, Gelbe Rüben, Salat, Kartoffeln, Zwiebeln. Es gibt außerdem Himbeeren oder Erdbeeren, die die ganze Saison blühen und immer wieder kleine Früchte bringen. Für Bienen wird das eine oder andere Beet auch als Bienenweide mit verschiedensten Blumenmischungen eingesät. Um den Boden nach der Ernte aufzulockern und fruchtbarer zu machen, erhalten einige Beete im Winter eine Gründüngung. Die Grünmasse wird im Frühjahr einfach mit untergearbeitet.“  

Wie wird der Gemeinschaftsgarten angenommen?
Hubert Bohner:„Die erste Reaktion ist Erstaunen über das Unerwartete. Nach dem Aha-Effekt kommt die Frage ‚Gibt es keinen Vandalismus?‘ Einige Parkbesucher kommen immer wieder, um zu schauen was Neues wächst. Die Beete werden respektiert, nicht zerstört und kein Gemüse wird zertrampelt. Nur das Garten-Eingangsschild wurde leider eines Nachts Opfer roher Gewalt. Das Naschen von Himbeeren oder Ernten von Kräutern ist erwünscht. Lediglich ein Besucher in drei Jahren hat die Freizügigkeit etwas übertrieben: Neben zwei gut gewachsenen Schnittlauchbüscheln mit Wurzelballen wurde auch der Spaten mitgenommen.“

Warum ist "Urban Gardening" wichtig?

Hubert Bohner: Damit fördern wir nachhaltig die Entwicklung unserer Stadt. Aktive und Interessierte haben die Möglichkeit, natürliches Essen zu säen, zu pflegen, zu gießen, zu beobachten … und zu ernten und zu schmecken. Der Garten ist außerdem Begegnungsstätte, er dient der Förderung von Gemeinschaft und Nachbarschaft. Gemeinschaftsgärten sind Orte des gemeinsamen Lernens, Tauschen und Teilens. Die Menschen werden für gesunde Ernährung und ökologische Zusammenhänge sensibilisiert. 


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Interview: Rebekka Groß
Texte: Thekla Dörler, Rebekka Groß, Antonia Heil